Am 3. Juni 2026 lud Oepfelbaum IT Management zum nächsten Oepfelbaum & Friends Event in die Traugottstrasse 6 in Zürich. Im Mittelpunkt stand die Frage, wo sich die Schweiz beim Thema Open Finance befindet und wie sich dies im internationalen Vergleich einordnen lässt.
Open Pension wird Open Finance zum Durchbruch verhelfen
Open Pension wird Open Finance zum Durchbruch verhelfen
Den Auftakt machte Rino Borini, Mitgründer von Finance 2.0 und House of Satoshi sowie einer der profiliertesten Vordenker der Schweizer Finanzindustrie.
Anhand von drei internationalen Fallbeispielen zeigte er, warum Open Finance keine theoretische Übung ist, sondern längst Marktgewinn und Marktanteilsverlust erklärt. Revolut rollt mit «AIR» einen KI-Finanzassistenten an 13 Millionen Kunden aus, der auf Kontoaggregation über Open Banking basiert. Revolut gibt selbst zu, beim Modell nicht an erster Stelle zu stehen. Entscheidend ist der Datenvorteil. Die brasilianische Grossbank Itaú nutzt Open-Finance-APIs der Zentralbank, um das Fremdvermögen ihrer Kunden zu aggregieren, KI-gestützte Umschichtungsempfehlungen zu liefern und verloren gegangenes Vermögen zurückzuholen. Und Monzo im Vereinigten Königreich hat erst via Open Finance die Hypothekendaten von 550'000 Kunden aggregiert, bevor das Unternehmen im April 2026 den Broker Habito übernahm und ins Hypothekengeschäft einstieg. Erst Daten, dann Produkt.
Ob es Zufall ist, dass alle drei in Ländern mit regulierungsgetriebenem Open Finance operieren?
Diese Frage dürfte wohl verneint werden und mehrheitlich auf den regulatorischen Druck schliessen. Im Vereinigten Königreich lässt es der Regulator jedoch nicht bei der eigentlichen Gesetzgebung bleiben, sondern erzeugt zusätzlichen Druck über Transparenzanforderungen. So sind Banken beispielsweise verpflichtet, die Ergebnisse der jährlichen Umfrage zur Qualität der angebotenen Bankdienstleistungen in Form einer Rangliste («League Table») zu veröffentlichen. Diese Rangliste muss gut sichtbar in den Filialen ausgehängt sowie auf den Webseiten und in den Banking-Apps der Anbieter präsentiert werden. Ein wesentliches Beurteilungskriterium dabei ist das Online- und Mobile-Banking-Serviceangebot.
Die Schweiz wettet auf marktgetriebenes Open Finance. Ausgerechnet bei Open Pension erzwingt Regulierung den Durchbruch. Und das ist gut so.
Die Schweiz verfolgt seit 2022 einen marktgetriebenen Ansatz: Banken liefern freiwillig, Standards entstehen im Wettbewerb. Multibanking ist live, Open Wealth skaliert. Das Modell funktioniert, bis auf zwei materielle Punkte.
Transparente Indikatoren zum Fortschritt von Open Finance in der Schweiz fehlen. Es ist viel Interpretationsspielraum vorhanden was zu Mehrdeutigkeit und subjektiver Auslegung der aktuellen Situation führt. Und ausgerechnet beim wichtigsten Anwendungsfall der nächsten Jahre hat die Marktlogik versagt. Open Pension, der standardisierte Zugang zu Vorsorgedaten über alle drei Säulen, brauchte einen politischen Anstoss. Die Motion Ettlin, 2025 von National- und Ständerat angenommen, hat ihn gegeben. Das ist kein Widerspruch zum liberalen Schweizer Ansatz. Es ist seine Konsequenz: Wer bei strategisch zentralen Datenräumen nicht freiwillig liefert, lädt die Politik ein, zu übernehmen.
Das grösste Vermögen liegt dort, wo niemand hinschaut
Die berufliche Vorsorge verwaltet in der Schweiz über 1.1 Billionen Franken. Für die grosse Mehrheit ist das PK-Guthaben das grösste Einzelvermögen. Laut einer Sotomo-Studie wissen 44% der Bevölkerung nicht einmal, dass es dazugehört.
Schweizer Banken sehen davon heute wenig bis nichts. Sie sehen den Lohneingang, das Konto, vielleicht ein Depot. Die Vorsorge liegt bei der Pensionskasse, die AHV beim Bund, die dritte Säule vielleicht noch bei der Konkurrenz. Eine holistische Beratung auf dieser Datenbasis ist strukturell unmöglich. Was Banken heute «Finanzberatung» nennen, ist in Wirklichkeit Produktberatung auf Basis einer Teilansicht.
Die Lücke reisst genau dann auf, wenn sie am teuersten ist. Pensionierung, Nachlassplanung, Hypothekenverlängerung: Die finanzielle Komplexität ist am grössten und das Kundenpotenzial am höchsten, wenn die Datenlage der Bank am schlechtesten ist. Wer nur einen Ausschnitt sieht, verliert die Beratungshoheit und langfristig die Hauptbankbeziehung. Open Pension schliesst diese Lücke.
Vertrauen ist die einzige Ressource, die nicht kopiert werden kann
Aber diese Daten fliessen nicht automatisch. Sie fliessen erst, wenn Kundinnen und Kunden verstehen, wozu ihre Daten verwendet werden und wie sie diese Verwendung kontrollieren können. Wer hat Zugriff? Seit wann? Wie lange? Wofür? Diese Fragen müssen jederzeit transparent beantwortet werden können. Zudem müssen die Einwilligungen zum Datenaustausch widerrufbar sein. All dies nicht irgendwo im Kleingedruckten, sondern in einer Permission-Schicht als Teil der Bank-IT Architektur.
Vertrauen ist die einzige Ressource im Open-Finance-Spiel, die sich nicht kopieren lässt. Technologie und Compliance lassen sich nachbauen. Das Vertrauen einer Kundin, die weiss, dass ihre Bank transparent und kontrollierbar mit ihren sensibelsten Daten umgeht, nicht.
Die Oberfläche wird gesprächsorientiert
Die klassische Banking-Oberfläche, mit statischen Menüs und isolierten Produktsichten, ist das Erbe einer Zeit, in der Daten in Silos lagen. «Reicht meine Vorsorge, wenn ich mit 63 in Pension gehe?» beantwortet kein statisches Dashboard. Aber ein Bankberater, ein KI-Agent oder sogar der Kunde selbst können es, sofern sie vollständige, konsensbasierte Live-Daten im Zugriff haben. Diesen Wandel von isolierten Produktsichten hin zur gesprächsorientierten Beratungsschicht nennen wir Money Intelligence.
Fazit: Wer die Kundenpotenziale nicht realisiert, verliert die Beratungshoheit und wird reiner Datenlieferant
Die Kausalkette ist klar: Regulierung erzwingt Datenzugang. Datenzugang ermöglicht holistische Beratung. Holistische Beratung braucht Vertrauen. Vertrauen und Daten ermöglichen Money Intelligence. Borinis letztes Wort war unmissverständlich: «Wer zögert, ist Passagier.» Wer jetzt investiert, verteidigt die Beratungshoheit. Wer abwartet, liefert Daten an Mitbewerber und verliert die Beratungshoheit.
Open Pension ist jetzt.
Die ersten Institute handeln bereits: Sie beginnen mit der Erschliessung der Datenquellen über zwei Vorsorgesäulen, ergänzen damit ihr Multibanking Angebot, implementieren holistisches Consent Management als Permission-Schicht in ihrer Integrationsarchitektur und legen damit die Infrastruktur für eine holistische Beratung.
Im Zentrum steht dabei ein holistisches Consent Management, um welches das Angebot Schritt für Schritt ausgebaut werden kann.
Machen Sie die ersten Schritte mit Oepfelbaum und legen Sie die Basis, damit Sie auch in Zukunft die Beratungshoheit für Ihre Kunden innehaben.
Autor
Sven Biellmann
Value Stream Lead Open Banking